Heute ist es gar nicht so einfach, meine Gedanken zu fassen, denn im Kapitel geht es um Blödsinn. Ich lese es und entdecke keinen Blödsinn. Da ist ein Text über das morgendliche Schreiben, das Zähneputzen, blasse Herbst- und Wintergesichter, Kastanien, Chinesen, Haifischflossensuppe und einen Trip auf einem Haifischfangboot. Jetzt magst du dir denken: Das ist doch Blödsinn! Aber ich lese nur einen Text.

Wenn wir unseren Assoziationen wirklich folgen, dann erschließt sich das vielleicht auf den ersten Blick nicht für alle Leser und Leserinnen, aber das ist ja gar nicht das, was der Text will. Dieser Text will nicht logisch sein, sondern Eindrücke hinterlassen, er ist ja schließlich keine Anleitung, sondern eine Einladung zum Schreiben. Witzig ist dabei natürlich, dass das andere das eine anstößt.

Ich bin nicht gut im assoziativen Schreiben, die Planerin ist stark in mir. Sagt mir ein Schreibtrainer „Schreib mal spontan, Anna!“, dann wehre ich mich. Ich muss erst denken und dann schreiben. Aber das will dieses Buch ja aufweichen, mal sehen, ob das klappt, wenn es in die thematischen Erinnerungen geht, also ums Geschichten schreiben.

Ganz manchmal kommt es vor, dass ich in Themen springe, meinen Gedanken folge, aber dann bemerke ich das und schreibe darüber, dass das gerade passiert. Also eher so meta-spontan – keine Ahnung, ob das Sinn ergibt, aber so fühle ich das.

Zurück zum Blödsinn

Doris Dörrie schreibt darüber, wie wir die unwillkürlichen Erinnerungen für das Schreiben nutzen können. Alles erinnert.

Sage ich Sessel, denke ich nicht an irgendeinen Sessel, sondern an den, auf dem ich mit meinem Vater Bücher gelesen habe. Dieser Ohrensessel, den ich geerbt habe, weil er nichts wert war. Ich durfte nur Sachen erben, die nichts wert waren, denn ich habe das Erbe ausgeschlagen. Man will als 12-Jährige keine Schulden erben. Es wird nicht das einzige Mal sein, dass ich ein Erbe ausschlage, aber das einzige Mal, dass ich nicht selbst zum Amt muss dafür.

Siehst du? Eine Assoziation – ich kann das auch. Aber das ist doch kein Blödsinn! Oder? Es sind Geschichten, Episoden, Anekdoten. Kleine Szenen, die mein Gehirn da miteinander verknüpft. Und doch ist es ein lesbarer Text und du kannst etwas über mich erfahren. Kein Blödsinn.

Manchmal erzählen wir Teile unserer Geschichten (zu) grell, (zu) laut, (zu) bunt – also ein bisschen anders, als es eigentlich war. Für den Effekt. Auch das ist erlaubt, es geht ja nicht um historische Fakten, sondern um das Erzählen. Über das Erzählen und die Anleihen, die wir uns in der magischen Welt machen, habe ich letztens im Podcast gesprochen: Der Zauber, der das Leben zur Legende macht.

Dichterische Freiheit. Aber kein Blödsinn.

Es ist doch alles schon da

Um nun diesen Erinnerungen in unserem Gehirn folgen zu können, schreibt Doris Dörrie, müssen wir alle Gedanken verbannen, die uns davon abbringen. Also all die Zweifel und die Scham, da habe ich ja gestern schon drüber nachgedacht.

Wir dürfen auch nicht nachdenken, nur den Gehirnwindungen (und den Fingern) den Prozess überlassen. Denn wenn wir denken, werden die Assoziationen überlagert, das versteh ich, das lenkt ab. Höre ich auf zu tippen, machen sich Gedanken breit, die mich nicht in mein Erleben führen, sondern in die Welt von Aufgaben und Angeboten.

Statt eine kleine Geschichte zu schreiben, denke ich an die Spülmaschine, die nächste Tasse Kaffee oder ans Internet. Letztlich Konsum. Und das ist ein interessanter Gedanke, den ich dir hier weitergeben möchte: Doris Dörrie schreibt:

„Statt etwas hervorzubringen, stopfe ich etwas in mich hinein. Konsum füllt mich ab, aber erfüllt mich nicht. Konsum und Kreativität sind natürliche Antagonisten.“

Und das möchte ich verinnerlichen. Wie wir immer glauben, wir müssten erst noch mehr lesen, mehr lernen, mehr erfahren, bevor wir dann großartige Texte schreiben können. DAS ist doch der wahre Blödsinn. Denn es ist alles schon da.

Wie voll mein Leben bis hierhin schon gewesen ist, das überrascht mich manchmal. Und das, obwohl ich so viele Dinge nicht mehr weiß. Aber hey, was ich noch weiß, das reicht doch für alle Romane der Welt! Und es ist kein Blödsinn. Es ist nicht irrelevant. Das bin doch ich. Und manche Erinnerungen grabe ich aus, wenn ich mir wieder zuhöre, anstatt mich mit Fast-Food (also Fast-Content) vollzustopfen.

Ab morgen geht es ans Tauchen. Ich weiß das schon, denn ich lese das Buch ja nicht zum ersten Mal. Ich übe mich im Zuhören. Denn es ist alles schon da.


Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen

Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.

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