Stell dir vor, du bist eine Fee, die so fröhlich ist, dass sie das Wetter beeinflussen kann. Das kann Anna Susanna Lachdochmal. Sie lebt in einem kleinen Wald, in dem es nie Winter wird. Denn immer wenn der Winterkönig die Kälte zu dem Wald schickt, mit den dicken Schneewolken im Schlepptau, dann kitzelt Anna Susanna die Wolken und erwärmt sie durch ihre Fröhlichkeit. Daher fällt kein Schnee in Anna Susannas Wald, sondern nur seichter Regen. Sie kümmert sich darum, denn sie liebt das leichte, warme, fröhliche Gesicht des Sommers so sehr.
Irgendwann kommt allerdings der Winterkönig vorbei und der lässt sich nicht so leicht kitzeln und erweichen. Der ist richtig sauer, weil seine Kälte in dem kleinen Wald nicht ankommt. Und er schickt einen Winter, der sich nicht mehr weglächeln lässt.
In diesem Wald kennt sich ja niemand mit Kälte aus, Anna Susanna schon mal gar nicht. Sie ist verzweifelt, weiß nicht, wie sie ihren Wald beschützen soll vor diesem Winter. Anna Susanna erstarrt, bricht zusammen, weint… und es nichts mehr übrig von ihrer Leichtigkeit, von der Freude, von ihrem Lachen. Gut, dass sie nicht allein in ihrem Wald ist. Und dann kommt in der Geschichte irgendwann dieser Satz, der mir ins Gedächtnis eingebrannt ist, ich weiß nicht, wie oft ich ihn gehört oder gelesen habe.
„Heul nicht“, sagte die alte Eule, „tu lieber was!“
Der Satz wurde in unserer Familie in den verschiedensten Situationen verwendet, wenn es darum ging, mit dem Fluchen, Jammern und Verzweifeln aufzuhören und stattdessen darüber nachzudenken, was man tun kann. Tun. Ich steh heute noch auf dieses Tun, das mit dem Heulen, habe ich verinnerlicht, bringt nichts.
Anna Susanna Lachdochmal wird lernen, wie man Feuer speit. Sie nimmt nämlich all ihren Mut zusammen und besucht den Drachen im Nachbarwald. Von ihm lernt sie, wie sie Wärme machen kann – abseits von ihren Worten und ihrem Lächeln.
Wenn du denkst, dass du alles lernen kannst
Es gibt immer zwei Seiten. Immer. Und es gibt immer eine Grenze, was du erreichen kannst mit dem, was du kannst. Als der Winterkönig so richtig sauer ist, kann Anna Susanna mit ihrem fluffigen Kitzeln und Lachen nichts mehr ausrichten. Sie muss etwas Neues lernen. Und sie schafft es auch. So ist das eben mit Heldenreisen, ob nun in Märchen oder in anderen Geschichten. Jemand muss die Welt retten und das ist Anna Susanna.
Ich glaube auch manchmal (zu oft?), dass ich die Welt retten muss. Irgendjemand muss es ja schließlich tun. Tun. Nicht heulen. „Heul nicht, tu lieber was.“
Ich lerne also immer wieder neue Superkräfte dazu, Feuerspeien kann ich noch nicht. Aber was, wenn das mit dem Heulen auch eine Kraft ist? Eine, die nur nicht geschätzt wird, weil sie mit Schwäche in Verbindung gebracht wird? Es gibt immer zwei Seiten.
Wie cool wäre es, wenn wir gleichzeitig stark und schwach sein könnten? Gleichzeitig arm und reich? Traurig und glücklich? Und wenn wir das nicht erklären oder benennen müssten? Und was wäre, wenn nicht eine einzelne Heldin losziehen muss, sondern wenn alle etwas tun? Wenn alle erst heulen und dann was tun? Beides?
Komische Gedanken heute. Nun gut. Ich weiß nicht, ob es an Anna Susanna lag, aber ich habe verinnerlicht, dass ich immer etwas tun kann. Das ist cool. Ich habe nur auch verinnerlicht, dass ich immer was tun muss. Das ist nicht immer so cool. Alles hat zwei Seiten. Vor allem im Märchen.
Der Schreibauftrag
Ich habe hier nicht abgeliefert, denn der Impuls war: Denk an ein Kinderbuch. Und dann ging es aber weiter: Wo hast du das Buch gelesen und mit wem? Wie sah die Umgebung aus, der Stuhl, der Fußboden, das Bett? Schreib über ein Möbelstück, an das du dich erinnerst.
Tja. Ich sehe den Fußboden, auf dem wir damals gesessen haben. Meine Brüder, meine Mutter und ich. Diese wunderschönen Holzbohlen, die im ganzen Haus verlegt waren. Auch bei uns oben in den Kinderzimmern. Wir kannten alle Stellen, auf die wir nicht treten durften, weil es dort knarzt. Und unten hörten sie dann vielleicht nicht das Tapsen der Füße, aber das Knarzen vom Holz. Tritt immer auf die Nägel und mach hier einen großen Schritt, ich wette, dass ich heute noch die richtigen Schritte machen würde.
Genau, mein Kinderzimmer, das größte Zimmer oben. Ich habe es mir lange mit meinem Bruder geteilt, das war wunderbar damals. Ich war nie allein. Lange haben wir das gemacht, weil wir uns nicht trennen wollten. Und zu der Zeit, als wir noch mit unserer Mutter Anna Susanna Lachdochmal gelesen haben, da war es auf jeden Fall nicht mein Zimmer, sondern unseres.
Wir haben Textpassagen mitgesprochen, besonders diesen einen Satz: Heul nicht, tu lieber was. Und während ich diese Sätze hier tippe, ist mir gar nicht so sehr nach Tun zumute, eher nach dem anderen. Oder mich in eine Höhle verkriechen, die haben wir mit Decken oft gebaut. Mit dem Hochbett, das war einfach, die Decken oben zwischen Matratze und Bettgestell gestopft, rundherum, und schon war es gemütlich und kuschlig und dämmrig.
Eine Zeitlang stand auch ein großer Karton in meinem Zimmer – vielleicht war das mal ne Spülmaschine oder so was. Wir haben ein Fenster reingeschnitten und eine Tür, ich glaub, es gab sogar eine kleine Gardine vor dem Fenster. Und mein kleines Radio, das war da auch drin. Ich habe den Ohrenbär gehört, das war wunderbar. So viele schöne Geschichten. Manchmal, wenn ich abends keine Zeit zum Hören hatte, haben meine Großeltern das für mich auf Kassette aufgenommen. Eine Fülle an Geschichten, immer zu einer bestimmten Zeit. Rituale.
Vielleicht sollte es wieder eine Zeit geben für Märchen. Eine feste Zeit. Jeden Abend oder so. Juniors Spielzelt ist noch hier, ich habe es noch nicht verkauft. Vielleicht ein Zeichen – ist ja fast so gut wie eine Höhle…
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
Du kannst mir übrigens einen Kaffee-Regen schenken, wenn dir danach ist. Weil Geben und Nehmen zusammengehören. Meine Kaffeekasse findest du hier.
2 Antworten
Ich kenne das Märchen oder die Geschichte nicht, aber der Satz lässt mich schon ein wenig erschaudern, fasst mich negativ an. Heul nicht, tu lieber was. Warum nicht heulen? Warum sich nicht auch einmal die Zeit für Gefühle und Emotionen nehmen? Warum immer funktionieren, immer im Tun, immer im Handeln sein? Klar, neues Lernen ist immer schön und auch wichtig, aber alles zu seiner Zeit und es braucht halt auch Zeit, um negativen Gefühlen und Emotionen ihren Raum zu lassen.
Ich denke, es geht darum, ein Ende zu finden. Erstmal heulen und verzweifeln ist okay, aber dann muss man eben was tun. Und das sagt ja nun ausgerechnet die alte Eule (die ja bekanntermaßen besonders weise ist). Es ist vielleicht so eine Art modernes Märchen und die Heldin wird natürlich am Ende für ihren Mut und ihre Taten belohnt…