Nach Schulschluss geht sie mit S. und B. zur Stadtbahn, wie so viele andere, die dieses Gymnasium besuchen. Es geht immer geradeaus, Straße, ein kleiner Fußweg, am großen Supermarktparkplatz entlang, noch ein Stück Straße. Sie plaudern. Wie nervig Deutsch heute war und was M. in Mathe abgezogen hatte. Dass er es immer so übertreiben musste! Sie verdrehen kollektiv die Augen. Manche Kinder in ihrer Klasse gerieten immer wieder mit den Lehrern aneinander, wie ein Schauspiel mit sehr vielen Akten.
An der Haltestelle ist der kleine Kiosk, man kann dort Süßigkeiten aus Gläsern kaufen, sich eine Tüte zusammenstellen für 10 Pfennig pro Lakritzschnecke oder saurer Pommes. Heute geht sie nur mit, keine Süßigkeiten für sie, stöbert nur kurz in den Zeitschriften, nichts Spannendes dabei. Die Bahn kommt gleich, beeilt euch mal, ruft sie und schaut nach draußen, ob sie schon sehen kann, wie die Bahn um die Kurve fährt. Es ist November, da will sie nicht länger warten als nötig.
In der Innenstadt verabschieden sie sich, es ist alles wie immer. Die Briefbücher haben sie schon am Morgen ausgetauscht, bis morgen dann, erste Stunde, Treffen wie immer, alles klar. Dass sie sich morgen nicht in der Bahn treffen werden, können sie nicht wissen. S. und B. fahren weiter in der gleichen Bahn, sie muss umsteigen, aber das ist nicht schlimm, es ist keine weite Strecke. Warum nur erscheint ihr alles normal? Es ist nichts normal. Schon lange nicht mehr. Aber was soll man machen, wenn so etwas passiert und das Leben einfach weiterläuft?
Sie denkt kaum noch darüber nach, das wäre vielleicht zu schmerzhaft. Wenn sie Straßenbahn fährt, kann sie aus dem Fenster schauen oder die Leute beobachten, gerade auf dieser Strecke gibt es immer auffällige Gespräche, Menschen, die lauter sind als andere. Und Menschen, die Hilfe brauchen. Sie werden oft begleitet.
Sie denkt darüber nach, ob es für ihre Verletzung nicht auch Begleitung gibt. Jemanden, der ihre Hand hält, wenn sie traurig ist. Hilflosigkeit und Unklarheit, das macht verrückt. Nichts ist klar, auch wenn die Ärzte wohl klare Worte gefunden haben. Oder waren es gar nicht die Ärzte? Hatte ihre Mutter das nur so übersetzt? Sie weiß es nicht, kann es auch nicht herausfinden. Wen sollte sie fragen? Es ist ein Tag wie jeder andere. Es ist November. Es sollte sich nicht normal anfühlen. Tut es aber.
Sie schließt die Tür auf und merkt es sofort. Warum ist ihre Mutter zuhause? Das sollte so nicht sein, nicht um diese Zeit. Aber da ist sie, sie sitzt in der Küche, trinkt Kaffee, wohl schon länger. Die Küche sieht aus wie immer. Das Bord über dem Herd, die Kochbücher, die nach Kochen und Experimenten aussehen, hier ist nichts clean und hell und rein. Der alte Tisch, drei Plätze. Mehr braucht es ja nicht, wenn sie alle zusammen essen, dann drüben, nicht hier. Die Küche sieht aus wie immer. Aber sie sollte leer sein.
Sie sieht ihre Mutter an und weiß es sofort. Es braucht keine Worte und ihr stehen die Tränen in den Augen. Jetzt also doch. All das Normale ist weggewischt, fühlt sich falsch an. Wie konnte sie denken, alles sei wie immer? Sie hört die Worte, aber sie haben keinen Klang. „Eingeschlafen.“ Lächerlich. „Wir wussten es.“ Ja, wir wussten es. Wir wussten es, dass es passieren wird, aber jetzt erst wird es real. Tot. Weg. Für immer. Was das bedeutet, wird sie erst nach und nach herausfinden, hier und jetzt ist es nur die Normalität, die nicht mehr funktioniert.
Sie weint. Obwohl sie es doch gewusst hatte. Obwohl sie Zeit hatte, sich darauf vorzubereiten. Aber wie bereitet man sich auf so etwas vor? Sie ist zwölf Jahre alt, das sollte alles nicht sein. Nicht jetzt, nicht hier. In 30, 40 Jahren vielleicht, nicht jetzt. „Es ist gut so.“ Ah ja. Nein, ist es nicht. Und all das Normale, das sie seit Monaten machen, ist auch nicht gut. Wie wir alle funktionieren, einfach weitermachen. Das ist nicht gut.
An diesem Tag weiß sie es nicht, aber sie wird wieder weitermachen. An diesem Tag weint sie nur. Später werden sie sich ablenken, sie gehen ins Kino, ihr Bruder schlägt es vor, bringt doch nichts, den ganzen Tag hier herumzusitzen. Die ganz große Trauer wird sich legen. Und sie wird weitermachen. Als Halbwaise. Aber so ganz normal wird es nicht mehr. Diesen Schatten wird sie nicht mehr los.
Dieser Text ist Teil meines kleinen Schreib-Experiments. Ich lese das Buch „Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes 2019) Kapitel für Kapitel und teile meine Gedanken dazu. Alle Texte findest du unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen
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